Bislang war Albanien vor allem ein Paradies für Budget-Touristen und Offroad-Abenteurer. Doch so langsam mausert sich der Balkanstaat zur Trend-Destination. Höchste Zeit also für eine Stippvisite. Nicht mit einem alten Mercedes oder einem rustikalen Geländewagen, sondern mit einem elektrischen Porsche Macan.
Wer da überhaupt Bilder im Kopf hat, der denkt an uralte Mercedes-Limousinen, die nur noch von Rost zusammen gehalten werden, an postkommunistische Metropolen, verschlafene Kleinstädte und verfallene Bergdörfer. Doch die Zeiten haben sich geändert und 25 Jahre nach dem Ende des Kommunismus mausert sich der Drei-Millionen-Staat auf dem Balkan so langsam zur Trend-Destination. Warum also nicht eines der vielleicht trendigsten Autos dieser Tage nehmen und damit einen Roadtrip abseits der ausgetretenen Pfade wagen?

Das Abenteuer Albanien beginnt
Deshalb steht am Mutter-Theresa-Airport in Tirana frisch poliert und voll geladen ein Porsche Macan 4S bereit, der nicht nur mit dem Offroad-Design-Paket ausgestattet ist, sondern als optisches Highlight und fürs ruhige Gewissen den Dachkorb des 911 Dakar trägt – mit Sandblechen, mit Ersatzrad und mit einem Kanister, in dem freilich nur Trinkwasser ist, weil Sprit dem Stromer ja nicht weiterhilft. So kann das Abenteuer Albanien beginnen.
Dabei fängt alles noch ganz harmlos an – in der Hauptstadt, wo moderne Ladesäulen aus dem Boden schießen, die Taxiflotte größtenteils elektrisch unterwegs ist und die Cafés hipper wirken als in so mancher westeuropäischen Metropole. Der Fortschritt surrt hier sichtbar durch die Straßen. Kein Wunder, dass die amtliche Statistik zuletzt 100 Prozent Zuwachs bei den E-Zulassungen registriert. Selbst wenn es am Ende dann halt doch nicht einmal 10.000 von den über eine Million Autos sind, die zwischen Montenegro im Norden und Griechenland im Süden über Albaniens Straßen rollen. Doch wer Albanien kennt, der weiß: Die glänzende Oberfläche endet oft mit der letzten Straßenlaterne.

Wenn aus Asphalt Schotter wird
Erst dürfen sich die 516 PS des Macan auf einer erfreulich gut gepflegten Autobahn warmlaufen. Der Asphalt glatt, der Verkehr licht und luftig – bisweilen ist man fast versucht, dem Stromer hier mal die Sporen zu geben und den Albanern zu zeigen, dass Elektromobilität nicht gleich Enthaltsamkeit bedeutet. So teuer werden die Knöllchen schon nicht sein, selbst wenn das Limit bei 110 km/h liegt und der Macan 240 km/h schafft. Und wahrscheinlich gibt es auf dem Balkan doch nichts, was nicht mit ein bisschen Bakschisch zu regeln wäre, meldet sich das politisch hoffnungslos inkorrekte Vorurteil aus dem Unterbewusstsein.
Doch schon kurz hinter Vlora haben sich all diese Überlegungen erübrigt. Stattdessen kündigt eine lose Sammlung von verblassten Verkehrsschildern eine Straße an, die längst keine mehr ist. Die SH76 arbeitet eher gegen als für uns. Aus Asphalt wird Schotter, aus Schotter Geröll – und aus Geröll irgendwann einfach nur Natur in ihrem Urzustand. Still hebt die Luftfeder den Macan an, bockt ihn auf knapp 20 Zentimeter Bodenfreiheit auf und legt auf Knopfdruck nochmal drei Zentimeter nach, als würde er sagen: „Alles klar, ich hab’s verstanden.“ Von Designer-Planken an der Gürtellinie geschützt, die für Kratzer selbst viel zu schade sind, wirft sich das SUV aus Schwaben in eine von der Sonne verbrannte Mondlandschaft, die aussieht, als hätte man sie direkt aus einem Endzeitfilm ausgeschnitten. Geröll knirscht unter dem Wagen, Steine prasseln gegen den Unterboden, Kiesel rasseln durch die Radkästen, die Reifen graben sich mit jedem Meter entschlossener in den Boden und die Schleppe aus Staub wird immer länger. Jeder Schlag in der Piste fühlt sich an wie ein Faustschlag in die Eingeweide des Elektroautos, und doch wirkt der Porsche entwaffnend souverän. Keine Zugkraftunterbrechung, keine Schaltpausen – einfach reines, unmittelbares Drehmoment, das aus dem Stand heraus bärenstark nach vorne drückt. 820 Nm sind eine solide Bank und ausgezahlt wird mit viel Feingefühl.

Langsam wird es enger
Je weiter wir uns ins Hinterland vorarbeiten, desto deutlicher wird, wie weit aus der Zeit gefallen unsere stille Hightech-Kapsel in dieser Kulisse wirkt. Eselkarren kreuzen unseren Weg, Bauern winken uns zu, dann wieder Ziegenherden, die staubige Wolken hinter sich herziehen. Der Macan krabbelt über Felsstufen, als wären es Bordsteine, stemmt sich im Offroad-Modus über lose Geröllfelder, unterstützt den Fahrer mit Ein- und Ausblicken aus einem halben Dutzend Kameras und schiebt sich mit stoischer Ruhe an Abgründen entlang, bei denen man lieber nicht nach rechts schaut. Der Untergrund wird grober, die Kurven enger, und an manchen Stellen bleibt so wenig Platz, dass wir die Außenspiegel einklappen müssen, um nicht die Felswand zu küssen. Der Gedanke an die nächste Ladesäule wirkt da fast ironisch – sie liegt einen ganzen Tagesritt entfernt.

Luxus ist relativ
Als der Abend sich herabsenkt, wird der Weg hinunter zum Osum Canyon zur Nervenprüfung. Die Dunkelheit frisst die Konturen der Steilhänge, während die LED-Matrixscheinwerfer des Porsche grelle Schneisen in die Nacht schneiden. Die Luft flirrt mit über 30 Grad, der Staub tanzt in den Lichtkegeln, und jeder Meter wirkt wie eine Mischung aus Expedition und Mutprobe. Links monolithischer Fels, rechts ein Abgrund, dessen Grund nicht mehr zu erahnen ist. Der Macan schlängelt sich hindurch wie ein Raubtier in Zeitlupe – konzentriert, kontrolliert, entschlossen. Irgendwann zeigt das Navi noch drei Kilometer zum Hotel, und doch fühlen sie sich an wie dreißig. Als wir schließlich in Çorovodë auf dem Hof eines schlichten Gasthauses einrollen, hat der Macan den Status eines echten Expeditionsfahrzeugs redlich verdient. Keine Ladesäule, aber ein Grill voller Fleisch, Raki in Karaffen und ein Bett für 44,50 Euro – Luxus ist relativ.
Der nächste Morgen führt uns auf den Mount Tomorr, mit 2.416 Metern den höchsten befahrbaren Berg Albaniens. Die Steigung frisst Reichweite mit beeindruckender Gier, wo die Norm für den 100 kWh großen Akku 600 Kilometer ausweist und am Beginn des Tages immerhin noch 250 Kilometer auf dem Display standen, hat die Zahl plötzlich Schwindsucht. Aber das Panorama ist jeden Prozentpunkt wert. Der Macan presst sich Serpentine um Serpentine nach oben, gewinnt auf zwanzig Kilometern über tausend Höhenmeter und wirkt dabei wie ein Marathonläufer im Sprintmodus. Wenn die Reifen in losem Schotter graben und der Allrad sich in Millisekunden neu sortiert, verwandelt sich der SUV für einen Moment in etwas, das an die Rallye Dakar erinnert – nur eben elektrisch. Warum kommt einem da plötzlich Walter Röhrls legendäre Sturmfahrt auf den Pikes Peak in den Sinn? Nur, dass die spektakuläre Strecke in den Rocky Mountains mittlerweile weitgehend asphaltiert ist, während die Teerbrigade hier so schnell wohl keinen Arbeitseinsatz haben wird. Herrlich, wie sich das SUV deshalb mit jeder Serpentine weiter in den Drift wagt. Und dann, wie aus dem Nichts, öffnet sich das Plateau. Eine Reiterstatue des Nationalheiligen Abbas Ali, vom Rost zerfressene Mercedes-Youngtimer und ein Wind, der klingt, als würde er Geschichten erzählen. Die spirituelle Stille des Berges steht im seltsamen Kontrast zur aufgewühlten Stimmung im Auto, weil das Gehirn die vielen Eindrücke erst einmal verarbeiten muss. Und zur aufkommenden Nervosität, weil der Saldo zwischen Restreichweite und der Entfernung zur nächsten Ladesäule mittlerweile weit ins Minus gerutscht ist. Gut, dass es erst mal bergab geht. Und zwar lange, verdammt lange. Und mit jedem Kilometer gibt uns die Rekuperation die Energie für zwei Kilometer zurück. Ein elektrisches Perpetuum mobile – zumindest für einen Moment.
Berat jedenfalls, die Stadt der tausend Fenster, UNESCO-Weltkulturerbe, Außenposten der Zivilisation im Süden des Landes und vor allem Standort der nächsten Ladesäule, rückt so plötzlich wieder in greifbare Nähe. Doch so erlösend das Ende der Zitterpartie auch sein mag, als der Akku mit den maximalen 270 kW gierig den Strom einsaugt wie ein Wanderer das Wasser nach einem Marsch durch die Wüste, so irritierend ist das Stimmengewirr auf den Restaurantterrassen und in der quirligen Altstadt. Nach den Tagen in der Wildnis fühlt sich das beinahe an wie ein Kulturschock, selbst wenn zumindest das Auto jetzt wieder in seiner Komfortzone angekommen ist.

Wie ein Ufo auf dem Dorfplatz
Bevor es ganz zurück geht ins Hier und Heute und in Tirana jemand den Schlüssel für den Macan übernimmt, führt die Route noch durch Gjërbës. Ein Dorf wie jedes andere, das aussieht, als sei hier vor 30 Jahren die Zeit stehen geblieben, und in dem sich das Abenteuer Albanien auf wenige Augenblicke verdichtet. Die Männer sitzen vor den Bars auf klapprigen Holzstühlen, trinken bitteren Kaffee und rauchen Zigaretten ohne Filter. Als der Porsche auf den Platz rollt, verstummen die Gespräche. Nicht weil es ein Auto aus Deutschland ist – davon fahren hier genug herum, und die meisten kommen sogar ebenfalls aus Stuttgart. Nur, dass sie Stern tragen, fast ausschließlich noch vom Rost zusammen gehalten werden und trotz gerne mal siebenstelliger Laufleistungen noch immer fahren. Nein, es ist die Stille, die sie so unruhig macht. Der Macan surrt wie ein Raumschiff, das im falschen Jahrhundert gelandet ist. Ein Ufo auf einem Dorfplatz, auf dem sogar der Mobilfunk Empfang hat, aber die nächste Tankstelle eine halbe Tagesreise entfernt liegt. Von einer Ladesäule ganz zu schweigen.

Zwischen den Welten
Und genau darin liegt die paradoxe Schönheit dieser Tour: Ein hochmodernes Elektroauto bahnt sich seinen Weg durch ein Land, das sich gerade erst langsam in die Zukunft tastet. Albanien ist ein Ort zwischen Gestern und Morgen – und der Porsche Macan beweist auf jedem Kilometer, dass er in beiden Welten bestehen kann. Staub, Hitze, Geröll, heilige Berge, wilde Canyons, alte Mercedes und ein Ufo aus Zuffenhausen. Ein elektrisches Abenteuer – mit Happy End.
