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Zwei Freunde, ein Healey, null Assistenz

20.7.2026
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Dieter Möss
9 Minuten

Wie eine Whiskey-Idee zwei Männer auf die Rallye-Strecke brachte

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Zusammenfassung

Manche Ideen sterben mit dem letzten Schluck im Glas. Diese hier nicht. Klaus und Dieter, beide gerade erst über die Fünfzig gerutscht, sitzen an einem Abend beisammen, ein guter Whiskey macht die Runde, und irgendwann fällt der Satz, den jeder Motorsport-Nostalgiker kennt: Man will wieder richtig Auto fahren. Kein Spurhalteassistent, der ins Lenkrad greift. Kein Tempomat, der mitdenkt. Nur Motor, Lenkrad, Straße — und der eigene Kopf. Die logische Schlussfolgerung kam schnell: Für pures Fahren braucht es ein pures Auto. Einen Oldtimer.

Gesagt, getan — dachten beide. Doch zwischen Whiskeylaune und Umsetzung liegen bekanntlich Wochen des Alltags. Nur: Diesmal wurde die Idee nicht vom nächsten Montagmorgen kassiert. Sie blieb. Wochen später saß sie immer noch da, hartnäckig, und irgendwann war klar: Wir gehen die Sache an. Die Familien wurden informiert, ein Wochenende zum Austausch genehmigt, und die Suche begann. Keiner der beiden besaß selbst einen Oldtimer, also musste geliehen werden.

Ein Anruf, eine Rallye, eine Einladung

Die Spur führte zu einer Autovermietung nahe München — ENJOY the CLASSICS, spezialisiert auf Mietoldtimer zum Selberfahren. Am Telefon zunächst eine kleine Enttäuschung: Viele Fahrzeuge seien bereits vergeben, in Kürze stehe eine große Oldtimer-Rallye an. Man solle aber gerne vorbeikommen. Vor Ort dann die Überraschung: Trotz der Verknappung stach ein Fahrzeug sofort heraus — ein Austin-Healey 3000 Mk I, britischer Roadster-Charme aus den späten Fünfzigern, kompromisslos analog. Steckscheiben statt Kurbelfenster, vier Rundinstrumente, kein einziger Sensor. Ein Auto, das nichts verspricht außer sich selbst.

Und diese Rallye, wegen der plötzlich alles knapp wurde? Die Oberbayerische Meister-Classic — 2026 bereits zum 13. Mal von der Kfz-Innung München-Oberbayern ausgetragen, mit Basislager im Maritim Hotel Ingolstadt. Wie fährt man eigentlich Rallye mit einem Oldtimer? Halten die zerbrechlichen Schmuckstücke das überhaupt aus? Über ein paar Ecken kam der Kontakt zu Pascal Kapp zustande, einer festen Größe in der bayerischen Rallye-Szene und Organisator von Klassikern wie der 333-Minuten-Rallye und der 10-Seen-Classic-Rallye (Pascal Kapp Rallye-Team). Aus dem Interesse wurde ein Satz, der alles änderte: „Warum fahrt ihr eigentlich nicht mit? Ihr habt doch jetzt einen Oldtimer." Ein paar Startplätze waren noch frei. Zusage, kurzfristig, ohne viel Zeit zum Nachdenken — aber genau das war ja der Punkt.

Drei werden eins

Die Abholung des Healey verlangte etwas Improvisation — für den einen war die Anfahrt weit, für den anderen kurz, am Ende klappte alles noch am Vorabend. Am nächsten Morgen um sechs Uhr ging es vom Ammersee aus Richtung Ingolstadt los, die erste gemeinsame Fahrt mit dem neuen alten Auto. Die Rollen ergaben sich wie von selbst: Klaus ans Lenkrad, Dieter auf den Beifahrersitz — dorthin, wo später Bordbuch, Stoppuhr und Streckenfragen regieren würden. Ein Sommermorgen wie gemalt: frische Luft, dieser typische Sommergeruch — gemischt mit dem Duft dick aufgetragener Sonnenschutzcreme, ein untrügliches Zeichen, dass dieser Tag lang und heiß werden würde. Kaum Verkehr, genug Ruhe, damit sich Fahrer, Beifahrer und Fahrzeug aneinander gewöhnen konnten. Der Respekt vor der Maschine war groß — kein Sensor, der warnt, kein System, das eingreift, nur das eigene Gefühl für Kupplung, Schaltung und Kurvenverhalten. Doch aus Respekt wurde auf den Kilometern Vertrauen. Aus zwei Freunden und einem Auto wurde ein Team. Dachten sie.

In Ingolstadt angekommen, ging es in die Tiefgarage des Maritim Hotels — und dort der erste Gänsehautmoment: Reihen anderer Schmuckstücke, jedes mit eigener Geschichte. Unterlagenausgabe in der Lobby, eine kurze Stärkung, dann hinaus Richtung Paradeplatz zum Start.

Über 50 teilnehmende Fahrzeuge

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Schon der Vorabend hatte klargemacht, worauf es bei dieser Art Rallye ankommt: nicht Höchstgeschwindigkeit, sondern Ankunft zur exakt richtigen Zeit. Gleichmäßigkeit statt Tempo. Der Beifahrer liest die Strecke, der Fahrer setzt sie um — so weit die Theorie.

Die Praxis sah an diesem Samstag regelmäßig anders aus. Dieter, den Blick im Roadbook: „In dreihundert Metern links." Klaus, den Blick ganz woanders: „Siehst du dieses Schloss? Diese Fassade!" Die Abzweigung zog vorbei, das Altmühltal wurde wieder ein Stück größer, und im Bordbuch stimmte plötzlich gar nichts mehr. Genau dafür waren sie ja losgefahren — wieder richtig schauen, wieder richtig fahren. Dass beides gleichzeitig nicht immer funktioniert, stand in keinem Roadbook. Es blieb nicht beim einen Mal: Wo die Strecke am schönsten war, war die Navigationsdisziplin am schwächsten. Die beiden fanden dafür noch am Vormittag ein Wort — Bonuskilometer. Mehr Healey für dasselbe Startgeld, nur dass danach jedes Mal die verlorenen Minuten wieder hereingefahren werden mussten, ohne die Gleichmäßigkeit zu ruinieren. Wer Rallye-Romantik für entspanntes Cruisen hält, hat noch nie versucht, mit einem Auto von 1959 unauffällig einen Umweg aufzuholen.

Die Hitze tat ihr Übriges — von oben die Sommersonne, von vorne die Wärme des Motorblocks, für die der Healey unter Kennern seinen Ruf hat. Umso größer die Freude über jede Pause: Die Mittagsrast in der Fürst Carl Schlossbrauerei in Ellingen brachte kulinarische Erholung, später gaben Kaffee und Kuchen im Landgasthof zum Alten Wirt in Gungolding neue Kraft für die nächsten Etappen — und die nächsten Diskussionen darüber, wer nun eigentlich schuld am letzten Bonuskilometer war.

Der Nachmittag hielt das eigentliche Highlight des Wochenendes bereit: das Rallye-Crossover der Oberbayerischen Meister-Classic mit dem Altmühltal Classic Sprint auf dem Marktplatz von Kipfenberg, inklusive Fahrzeugpräsentation beider Startfelder. Schon an den eigenen Rallye-Kollegen konnten sich die beiden kaum sattsehen — und dann kamen noch die Raritäten des zweiten Feldes dazu. Zwei hochkarätige Startfelder, ein Marktplatz, unzählige Geschichten in Blech.

Glücklich und leicht erschöpft rollte der Healey am Abend zurück in die Tiefgarage des Maritim Hotels. Dort durfte er ruhen, während seine beiden Piloten grinsend die Bilanz zogen: die meisten Zeitkontrollen erreicht, ein Auto kennengelernt, eine Landschaft gleich doppelt gesehen — einmal laut Roadbook, einmal auf Bonuskilometern. Die Drivers Night machte aus dem langen Tag einen runden: üppige Brotzeit, bayerische Schmankerl, Spiele wie Maßkrugstemmen — und vor allem die Mitfahrer. An den Tischen wurden Geschichten getauscht, von früheren Rallyes, von Pannen und Glücksmomenten, von Strecken, die man unbedingt noch fahren müsse. Als die Bonuskilometer der beiden Neulinge zur Sprache kamen, gab es wissendes Nicken statt Spott — das kannte hier offenbar jeder. Und irgendwann zwischen Brotzeitbrett und Maßkrug stellte sich ein Gefühl ein, mit dem am Morgen keiner gerechnet hätte: schon dazuzugehören. Nicht als Gäste einer fremden Szene, sondern als jüngste Mitglieder einer großen Familie.

Der gelassenere zweite Tag

Der Sonntag führte noch einmal mitten ins Altmühltal, vorbei an Jurafelsen und Wacholderhängen zurück nach Ingolstadt. Das Team funktionierte jetzt merklich besser: Dieter hatte gelernt, Schlösser rechtzeitig anzukündigen wie Abzweigungen („Gleich kommt links was fürs Auge — aber erst rechts abbiegen"), Klaus hatte gelernt, dass man Fassaden auch im Rückspiegel würdigen kann. Ganz fehlerfrei wurde es trotzdem nicht — aber die Gelassenheit war eine andere: Es blieb sogar Zeit, den freundlichen Zuschauern am Straßenrand zuzuwinken.

Dass es bei der anschließenden Pokalvergabe im Hotel nicht um die vorderen Plätze gehen würde, war beiden klar. Aber selten hat ein Klischee mehr gestimmt: Dabeisein ist alles. Und wenn schon kein Pokal, dann immerhin ein inoffizieller Titel, den ihnen keiner nehmen kann — gefühlt die meisten gefahrenen Kilometer des gesamten Startfeldes.

An der Hotelbar stand am Ende wieder ein Whiskey. Derselbe Stoff, aus dem vor Wochen die Idee entstanden war — nur dass diesmal niemand mehr sagen musste „Wir sollten das mal wirklich machen". Stattdessen fiel, irgendwo zwischen erstem und zweitem Schluck, der Name der 333-Minuten-Rallye. Manche Ideen sterben mit dem letzten Schluck im Glas. Diese hier hat gerade erst angefangen.

Fahrzeugporträt: Austin-Healey 3000 Mk I

Kein Blender, kein Cruiser — ein Roadster, der seinen Fahrer fordert und dafür mit reinem Fahrgefühl belohnt. Der Austin-Healey 3000 feierte 1959 als Nachfolger des 100-Six seine Premiere und markierte für die britische Marke einen Wendepunkt: mehr Hubraum, mehr Charakter, mehr Anspruch an denjenigen, der ihn bewegt.

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Technische Daten

Motor6-Zylinder-Reihenmotor, vorn längs eingebaut
Hubraum2.912 cm³
Leistung124 PS (91 kW) bei 4.750/min
Max. Drehmoment226 Nm bei 2.700/min
Gemischaufbereitung2 SU-HD6-Vergaser
Getriebemanuelles 4-Gang-Getriebe, optional Laycock-de-Normanville-Overdrive für 3./4. Gang
Höchstgeschwindigkeitca. 185 km/h
Beschleunigung 0–100 km/h11,7 s
Verbrauchca. 14 l/100 km
Karosseriegefertigt bei Jensen Motors
Neupreis (1959)1.175 Pfund

Das Cockpit: auf das Wesentliche reduziert, vier Rundinstrumente, Steckscheiben statt Kurbelfenster, hintere Notsitze bei der 2+2-Version eher symbolisch als nutzbar. Kein Chrom-Schauspiel, kein digitales Display — dafür ein Motor, der auch nach über 65 Jahren noch immer drängt wie am ersten Tag. Genau das macht ihn zur perfekten Antithese zum modernen Assistenzauto.

Zum Nachfahren: die Route in Kurzform

Wer die Strecke der Oberbayerischen Meister-Classic 2026 auf eigene Faust erleben will — die Höhepunkte beider Tage:

  • Samstag: Start am Paradeplatz Ingolstadt → Eichstätt → Treuchtlingen → Gunzenhausen → Mittagsrast in der Fürst Carl Schlossbrauerei, Ellingen → Weißenburg → Rallye-Crossover auf dem Marktplatz Kipfenberg (mit dem Altmühltal Classic Sprint) → Kaffeepause im Landgasthof zum Alten Wirt, Gungolding → Ziel Maritim Hotel Ingolstadt
  • Sonntag: Altmühltal-Schleife über Riedenburg und Essing — Jurafelsen, Flusstal, wenig Verkehr — zurück nach Ingolstadt
RALLYE-CROSSOVER

OBERBAYERISCHE MEISTER-CLASSIC + ALTMÜHLTAL CLASSIC SPRINT

Durchfahrt mit Fahrzeugpräsentation beider Rallyes in Kipfenberg

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Lust auf mehr? So kommst du selbst an den Start

Man muss keinen eigenen Oldtimer im Schuppen stehen haben, um dieses Gefühl zu erleben. Genau das ist die eigentliche Pointe dieser Geschichte: Zwei Freunde ohne eigenen Klassiker, ohne Rallye-Erfahrung, mit nichts als einer Whiskey-Idee im Kopf, standen wenige Wochen später am Start einer der bekanntesten Oldtimer-Rallyes Oberbayerns.

Wo man einen Oldtimer mieten kann: Genau bei der Adresse, bei der auch Klaus und Dieter ihren Austin-Healey gefunden haben — ENJOY the CLASSICS in München. Das Unternehmen bietet eine große Auswahl an originalen Mietoldtimern zum Selberfahren, meist Cabrios aus den späten Fünfzigern bis frühen Siebzigern — von Porsche 356 über Jaguar E-Type bis VW Käfer Cabrio. Gemietet werden kann tageweise, für ein Wochenende oder für individuell arrangierte Touren, inklusive ausgearbeiteter Routen durch Oberbayern und sogar organisierten Tagesrallyes mit Sonderprüfungen und Quizfragen (ENJOY the CLASSICS).

Andreas Brachem's avatar

Die Vielfalt der teilnehmenden Fahrzeuge begeistert jedes Jahr aufs neue. Bei der Oberbayerischen Meister-Classic fahren wertvolle Liebhaberstücke neben ambitionierten Youngtimern.

Andreas Brachem

Wo man selbst an einer Rallye teilnehmen kann: Die Oberbayerische Meister-Classic findet jährlich im Juli statt, Anmeldungen laufen über die offizielle Rallye-Website — meist mit Frühbucherrabatt bei rechtzeitiger Nennung. Wer es kompakter mag, findet mit der 333-Minuten-Rallye oder der 10-Seen-Classic-Rallye des Pascal-Kapp-Rallye-Teams zwei weitere bayerische Klassiker mit ähnlich entspanntem Anspruch — Spaß und Genuss klar vor Bestzeit (Pascal Kapp Rallye-Team).

Dass dieses Konzept aufgeht, bestätigt niemand besser als Pascal Kapp selbst: „Viele Teilnehmer sind Wiederholungstäter. Ein gutes Zeichen, dass wir vieles richtig machen." Klaus und Dieter können das nach diesem Wochenende nur unterschreiben — Bonuskilometer inklusive.