Mehr als 300 Kilometer markierte Wege führen am Wasser entlang, über historische Waalwege, durch Wälder und über Almen bis hinauf in die hochalpine Welt der Sesvennagruppe und der Ötztaler Alpen. Mal sportlich, mal genussvoll, mal einfach nur der Aussicht wegen. Und das Schönste daran: Rund um den Reschensee und im Oberen Vinschgau entscheidet jeder selbst, wie viel Berg es heute sein darf.
Es gibt Landschaften, die erschließen sich am besten durch die Windschutzscheibe. Andere vom Fahrradsattel aus. Und dann gibt es Regionen, die man tatsächlich Schritt für Schritt entdecken sollte. Die Ferienregion rund um den Reschensee im Oberen Vinschgau gehört zweifellos dazu. Hier, ganz im Westen Südtirols, treffen Italien, Österreich und die Schweiz beinahe aufeinander – und mit ihnen ganz unterschiedliche Landschaften, Kulturen und alpine Charaktere. Mehr als 300 Kilometer markierte Wanderwege ziehen sich durch die Region. Sie führen am Wasser entlang, über jahrhundertealte Waalwege, durch Almen und Wälder und hinauf in eine Bergwelt, in der irgendwann nur noch der Wind, das Knirschen der Schuhe und das Läuten einiger Kuhglocken zu hören sind. Dabei muss Wandern am Reschensee keineswegs bedeuten, jeden Morgen mit schwerem Rucksack zu einer hochalpinen Gipfeltour aufzubrechen. Gerade die Vielfalt macht den besonderen Reiz aus. Vom gemütlichen Spaziergang über aussichtsreiche Höhenwege und Themenwanderungen bis zur anspruchsvollen Bergtour findet hier fast jeder seinen persönlichen Weg.
Natürlich ist er dabei allgegenwärtig: der Reschensee. Sein türkisblaues bis tiefblaues Wasser bildet einen faszinierenden Kontrast zu den grünen Hängen und den oftmals noch schneebedeckten Gipfeln am Horizont. Und mitten aus dem Wasser ragt eines der bekanntesten Fotomotive Südtirols: der Kirchturm von Alt-Graun. Er erinnert an die Geschichte des Tales und an die Dörfer, die mit der Aufstauung des Sees Mitte des vergangenen Jahrhunderts teilweise in den Fluten verschwanden. Wer hier unterwegs ist, erlebt deshalb nicht nur Natur. Immer wieder begegnet man der Geschichte der Region. Und genau diese Mischung macht das Wandern rund um den Reschensee so interessant: Hinter der nächsten Kurve wartet nicht nur ein neuer Ausblick, sondern manchmal auch eine Geschichte, die erzählt, wie eng die Menschen hier seit Jahrhunderten mit ihrer Landschaft verbunden sind.
Wer den Oberen Vinschgau in seiner ganzen landschaftlichen Vielfalt kennenlernen möchte, findet mit dem 360° Wanderweg Obervinschgau eine besonders reizvolle Möglichkeit. Schon der Name bringt das Konzept auf den Punkt: Die Region soll aus möglichst vielen Perspektiven erlebt werden. Der Wanderweg verbindet unterschiedliche Landschaftsräume des Oberen Vinschgaus miteinander und eröffnet dabei immer wieder neue Blicke auf das Tal, die umliegenden Bergketten und die charakteristische Kulturlandschaft. Dabei geht es weniger darum, möglichst schnell möglichst viele Höhenmeter zu bewältigen. Der Reiz liegt vielmehr im Wechsel der Perspektiven. Mal öffnet sich der Blick weit über den Obervinschgau, mal führt der Weg durch ruhigere Landschaftsabschnitte, vorbei an Wiesen, Wäldern und kleinen Ortschaften. Der 360° Wanderweg eignet sich damit hervorragend für alle, die eine Region nicht nur durchwandern, sondern wirklich kennenlernen möchten. Und weil sich einzelne Abschnitte miteinander kombinieren lassen, muss daraus keineswegs eine große sportliche Herausforderung werden. Je nach Kondition, Zeit und persönlicher Lust lässt sich das Erlebnis individuell gestalten. Gerade diese Freiheit passt zum Oberen Vinschgau: Man entscheidet selbst, wie viel Berg es heute sein darf.
Nicht weniger reizvoll ist der Panoramaweg Schöneben–Haideralm. Schon der Name verrät, worum es geht: Aussicht. Der Weg verbindet zwei bekannte Berggebiete oberhalb des Reschen- beziehungsweise Haidersees und bietet unterwegs immer wieder weite Blicke über die Seenlandschaft und die umliegenden Gipfel. Gerade solche Höhenwege zeigen, dass es nicht immer der höchste Gipfel sein muss. Manchmal liegt das eigentliche Bergerlebnis im Unterwegssein: ein aussichtsreicher Platz für eine Pause, ein stiller Bergsee, eine Alm am Weg oder einfach der Moment, in dem man stehen bleibt und feststellt, wie weit man von hier oben sehen kann.
Eine völlig andere, aber nicht weniger faszinierende Form des Wanderns bieten die Waalwege. Sie gehören zu den charakteristischsten Wegen Südtirols. Die Waale sind historische Bewässerungskanäle, mit denen über Jahrhunderte Wasser aus den Bergen zu Wiesen, Feldern und Obstkulturen geleitet wurde. Entlang dieser Wasserläufe entstanden schmale Wege, die ursprünglich der Kontrolle und Pflege der Kanäle dienten. Heute sind viele von ihnen wunderbare Wanderwege. Das Besondere: Sie verlaufen häufig mit nur geringen Steigungen. Statt anstrengender Höhenmeter gibt es das leise Plätschern des Wassers als Begleiter. An warmen Sommertagen sorgen Bäume und das fließende Wasser zudem für eine angenehme Frische. Wer nicht möglichst schnell möglichst hoch hinaus möchte, sondern Landschaft bewusst erleben will, findet auf den Waalwegen eine besonders entspannte Seite des Vinschgaus.
Auch Familien und Genusswanderer müssen sich nicht mit einem einfachen Spaziergang zufriedengeben. Rund um den Reschensee gibt es zahlreiche Themen- und Erlebniswege, bei denen die Landschaft mit Wissen, Geschichte und kleinen Entdeckungen verbunden wird. Dazu gehört beispielsweise der Lehrpfad in Richtung Weißkugelhütte, der Einblicke in die hochalpine Natur und die Besonderheiten dieser Bergwelt vermittelt. Auch der Erlebnisweg Talai verbindet Bewegung und Naturerlebnis auf eine Weise, die gerade für Familien interessant ist.
Eine besondere Rolle spielt außerdem die Etsch. Einer der bedeutendsten Flüsse Italiens nimmt in dieser Region seinen Anfang. Von der Etschquelle aus beginnt auch der legendäre Vinschger Höhenweg, der die Landschaft des Vinschgaus auf besondere Weise erschließt. Allein der Gedanke ist faszinierend: Hier oben beginnt ein zunächst kleiner Gebirgsfluss seine lange Reise, bevor er immer größer wird, Südtirol durchquert und schließlich weit entfernt von den Bergen die Adria erreicht.

© Foto: Leon Eberhöfer
Wer die Wanderregion rund um den Reschensee entdeckt, sollte seinen Blick unbedingt auch auf den Erlebnisberg Watles im Oberen Vinschgau richten. Er ergänzt die alpine Vielfalt der Region um ein Wandergebiet, das sportliche Bergfreunde ebenso anspricht wie Familien und Genusswanderer. Gerade diese Mischung macht den Watles interessant. Man kann hier zu längeren Wanderungen aufbrechen, aussichtsreiche Wege erkunden oder den Berg ganz bewusst etwas gemütlicher erleben. Immer wieder öffnen sich dabei beeindruckende Perspektiven über den Oberen Vinschgau und auf die umliegende Bergwelt. Für Familien wird der Watles gleichzeitig zum Erlebnisberg. Bewegung, Natur und gemeinsame Entdeckungen lassen sich hier miteinander verbinden, ohne dass aus jedem Ausflug gleich eine anspruchsvolle Hochgebirgstour werden muss.
Der Watles steht damit exemplarisch für das, was das Wandern im Oberen Vinschgau ausmacht: Jeder kann seinen eigenen Rhythmus finden. Während die einen Höhenmeter sammeln, genießen die anderen das Panorama, verbringen Zeit mit der Familie oder machen aus der Wanderung vor allem eines – einen genussvollen Tag in den Bergen. Und natürlich gehört dazu auch die Einkehr. Denn Wandern in Südtirol bedeutet nicht nur Höhenmeter. Eine Hütte oder Alm, eine Sonnenterrasse und etwas Regionales auf dem Teller gehören mindestens genauso zum Bergerlebnis wie die Aussicht vom Weg. Vielleicht schmeckt eine Südtiroler Brettljause ohnehin nirgendwo besser als nach ein paar Stunden an der frischen Bergluft.
Doch irgendwann kommt für manche Wanderer der Moment, an dem ein Höhenweg nicht mehr genügt. Dann locken die Sesvennagruppe und die Ötztaler Alpen. Hier verändert sich die Landschaft. Die Wege werden anspruchsvoller, die Vegetation karger und die Dimensionen größer. Wer zu einer Hoch- oder Gipfeltour aufbricht, sollte entsprechende Kondition, Erfahrung und Ausrüstung mitbringen und selbstverständlich das Wetter im Blick behalten. Dafür wartet oben jene besondere Welt, die den Reiz der Alpen ausmacht: Felsen, Geröll, Hochgebirgslandschaften und Gipfelpanoramen, die weit über die Grenzen Südtirols hinausreichen. Gerade die Lage im Dreiländereck sorgt dabei für eine besondere Perspektive. Italien, Österreich und die Schweiz liegen hier nicht abstrakt auf einer Landkarte nebeneinander – sie bilden eine gemeinsame Berglandschaft. Grenzen verlieren dort oben ohnehin schnell ihre Bedeutung.

© Foto: IDM Südtirol, Marion Lafogler
Ein nicht zu unterschätzender Vorteil der Region ist zudem die Möglichkeit, das Auto auch einmal stehen zu lassen. Gerade für Wanderer ist das interessant, denn nicht jede Tour muss zwangsläufig dort enden, wo sie begonnen hat. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Reschensee Guest Pass. Mit ihm ist die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel in ganz Südtirol inkludiert. Damit lassen sich nicht nur Ziele rund um den Reschensee erreichen, sondern auch Ausflüge und Wanderungen über die unmittelbare Ferienregion hinaus planen. Für Wanderer bedeutet das vor allem Freiheit. Morgens mit Bus oder Bahn zum Ausgangspunkt fahren, mehrere Stunden durch die Berge wandern und am Nachmittag von einem ganz anderen Ort wieder zurückkehren – ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, wie man zum geparkten Auto gelangt. Ergänzend stehen in der Region verschiedene Wandertaxis zur Verfügung, mit denen sich auch Ausgangspunkte erreichen lassen, die abseits der regulären Verbindungen liegen. So wird Mobilität ohne eigenes Auto nicht zum Verzicht, sondern kann den persönlichen Aktionsradius sogar vergrößern. Streckenwanderungen lassen sich einfacher planen, Ausgangs- und Endpunkte frei miteinander kombinieren und auch längere Touren entspannter organisieren. Das Auto darf derweil durchaus einmal Urlaub machen.
Vielleicht liegt genau darin die große Stärke des Wandergebietes rund um den Reschensee und im Oberen Vinschgau: Man muss sich nicht entscheiden, welche Art von Wanderurlaub man machen möchte. Heute kann es eine sportliche Bergtour sein. Morgen ein entspannter Waalweg. Am nächsten Tag vielleicht eine Wanderung am Watles mit ausgedehnter Einkehr auf einer Alm. Und danach ein Abschnitt des 360° Wanderwegs, bei dem weniger die sportliche Leistung als vielmehr die Landschaft im Mittelpunkt steht. Wer mit Kindern unterwegs ist, findet Erlebniswege und familienfreundliche Touren. Genusswanderer entdecken aussichtsreiche Wege ohne extreme Anforderungen. Und ambitionierte Bergsteiger können sich in Richtung der hochalpinen Regionen orientieren.
Dazwischen liegt immer wieder der See. Mal tief unten im Tal, mal direkt neben dem Wanderweg und mal als blaues Band, das aus großer Höhe betrachtet plötzlich erstaunlich klein erscheint. Er ist Orientierungspunkt, Fotomotiv und Ruhepol zugleich und begleitet einen durch diese besondere Landschaft auf immer neue Weise.

© Foto: OAKS
Am Ende braucht es erstaunlich wenig für einen gelungenen Tag am Berg. Ein Paar vernünftige Wanderschuhe, einen Rucksack, etwas Proviant, ausreichend Wasser – und eine Route, die zu Wetter, Kondition und eigener Erfahrung passt. Den Rest liefert die Landschaft. Das Rauschen eines Gebirgsbaches. Der Duft der Bergwiesen. Eine Bank mit Aussicht, auf der aus einer geplanten Fünf-Minuten-Pause plötzlich eine halbe Stunde wird. Der Blick hinunter zum Reschensee. Eine Hütte, die genau im richtigen Moment auftaucht. Und dieses besondere Gefühl am Ende eines langen Wandertages, angenehm müde wieder im Tal anzukommen.
Vielleicht ist das der eigentliche Luxus dieser Region: dass man sich jeden Morgen neu entscheiden kann. Berg oder Tal? Watles oder Reschensee? Höhenweg oder Waalweg? Gipfel oder Alm? Eigentlich spielt es keine Rolle. Denn rund um den Reschensee und im Oberen Vinschgau geht tatsächlich fast alles – zwischen Berg und Tal.

