Das schicke SUV-Coupé sieht schon im Stand schnell aus, und das ist es auch. „745 km/h“ zeigt das Display des Kia EV6 GT an. Natürlich nicht als gefahrene Geschwindigkeit, sondern als Ladetempo an der Gleichstromsäule. Mit mehr als 200 Kilowatt schießt der Strom in das südkoreanische Fahrzeug, das über leistungsstarke Ladetechnik mit 800 Volt verfügt.
Doch entscheidender als beeindruckende Top-Werte am Kabel ist die Dauer, während der sie nach einem flotten Start auch gehalten werden – also eine möglichst gerade Ladekurve. Eine solche wird für erfahrene E-Auto-Kunden, die auch mal längere Distanzen zurücklegen, immer wichtiger. Ihre Optimierung gehörte daher zu den wichtigsten Merkmalen, die Kia bei der Erneuerung seines sportlichen Stromers verbesserte. Mit spürbarem Effekt: Nach zwölf Minuten sind 42 Kilowattstunden in den Akku geflossen, genug für deutlich über 200 Autobahn-Kilometer.

Die Testfahrt kann also bald mit neuem Schwung weitergehen. Das Topmodell der EV6-Reihe, das dem FAT Mobility Report zur Verfügung stand, leistet satte 650 PS. Das ist zwar nicht mehr als vor dem Facelift, aber auf jeden Fall mehr als genug. Der Antritt aus dem Stand ist atemberaubend und lässt SUVs mit Benzinmotor keine Chance. Auch wenn etwa ein Lamborghini Urus den Spurt auf 100 km/h nominell etwa gleich schnell, also in dreieinhalb Sekunden, erledigt, zieht der Kia gerade auf den ersten Metern deutlich druckvoller an.
Dabei verzichtet der Koreaner auf Mätzchen wie artifiziellen Verbrenner-Sound oder virtuelle Gänge, mit denen das Schwestermodell Hyundai Ioniq 5 N hartnäckige Petrol Heads zum Stromer bekehren möchte. Der EV6 GT begeistert gerade durch die leise, lässige und scheinbare Mühe Art, wie er seine Performance abliefert.
Ebenso souverän gibt er auch den zurückhaltenden Reisebegleiter. Das Fahrwerk ist indes nach wie vor eher sportlich-straff abgestimmt, was zur Positionierung als dynamischer Crossover passt. Der Innenraum ist, gemessen an der Außenlänge von 4,70 Metern, verblüffend großzügig. Die konsequenten Konstruktion als BEV (Battery Electric Vehicle) ermöglicht eine sehr vorteilhafte Raumökonomie, die auch den Fondplätzen zugute kommt. Die Beinfreiheit ist üppig, große Passagiere kontaktieren mit ihrer Frisur freilich das coupéhaft abfallende Dach. Dazu gibt es einen elektrotypischen Frunk unter der Fronthaube, der trotz eher geringer Größe das Ladekabel für Wechselstromsäulen aufnimmt.

Das Design wurde mit der Modellpflege weiter gestrafft, die Materialien im Innenraum wirken nun noch etwas hochwertiger. Das superbreite Display, das sich vom Fahrerplatz bis über die Mittelkonsole spannt, entspricht dem bekannten Standard der koreanischen Automarken. Für den Geschmack mancher Kunden könnte es wohl mehr echte Tasten zur Bedienung geben. Vor allem der Switch des virtuellen Bedienfeldes zwischen Klima- und Audio-Einstellungen ist zuerst gewöhnungsbedürftig.
Mit dem Facelift erhöhte Kia die nutzbare Akku-Kapazität leicht auf 80 kWh. Die Reichweite liegt bei 450 Kilometern nach WLTP-Norm, realistisch im Alltag und bei Autobahntempo 130 sind etwas unter 400 – in Verbindung mit dem schnellen Laden unterscheidet sich dieser Stromer in dieser Hinsicht also kaum noch von Benzinern. Das gilt auch für den Preis: Kia hat die UVP um ein paar Tausender auf knapp unter 70.000 Euro gesenkt. Damit ist der EV6 GT dramatisch preiswerter als vergleichbar performante Verbrenner-SUV wie etwa der Lamborghini Urus oder der Porsche Cayenne Turbo GT. die deutlich im sechsstelligen Bereich rangieren.

Die Erzählung vom teuren Elektroauto enttarnt der Kia EV6 so einmal mehr als Märchen – wie auch die von den angeblich langen Ladezeiten.
